📚 Jana stellt vor: Der Scheiterhaufen


Letzte Woche hat euch Jana ein "Sachbuch ĂŒber die amerikanische UnabhĂ€ngigkeit" vorgestellt. In Woche 72 unseres Projekts "vergessene SchĂ€tze" stellt sie euch erneut einen ihrer SchĂ€tze vor:

Klappentext:

RumĂ€nien nach dem Sturz des Diktators. Emma, eine dreizehnjĂ€hrige Vollwaise, wĂ€chst im Internat auf. Ihre Eltern sollen bei einem Autounfall ums Leben gekommen sein. Eines Tages erscheint eine Unbekannte, die sich als ihre Großmutter ausgibt. Widerstrebend folgt Emma ihr in eine fremde Stadt.

In der Schule wird Emma nicht nur gehĂ€nselt, sondern auch bedroht, denn ihre Großmutter gilt als Spitzel und Geisteskranke. Tapfer ertrĂ€gt sie die Peinigungen, zugleich aber wĂ€chst das Misstrauen gegen die alte Frau. Als sie sich ĂŒber das Verbot, den Holzschuppen im Garten zu betreten, hinwegsetzt, macht sie eine verstörende Entdeckung.

Die Geschichte, die nun beginnt, zieht Emma den Boden unter den FĂŒĂŸen weg: StĂŒckweise kommt die Wahrheit ĂŒber ihre Familie ans Licht – und ĂŒber eine Gesellschaft, in der das gewaltsame Ende vieler ihrer BĂŒrger nie verfolgt wurde.

Die mutige Heldin dieses Entwicklungsromans handelt so radikal wie der Protagonist des Weißen Königs. Bei DragomĂĄn sind es die Kinder, die mit ihrem unbestechlichen Sinn fĂŒr Gerechtigkeit das Netz aus LĂŒge, Gemeinheit und BrutalitĂ€t zerreißen. Eine knappe, einfache Sprache steht in spannungsvollem Kontrast zur doppelbödigen RealitĂ€t und zur Mehrdeutigkeit des Wahrgenommenen. Das Unheimliche, Phantastische ist das Element, in dem Emma nach Klarheit sucht.


Janas Meinung:

In einem Land ohne Namen, einige Monate nach dem blutigen Sturz eines namenlosen Generals. Nichts gibt Autor DragomĂĄn preis, doch weiß der Leser, dass er sich im RumĂ€nien der frĂŒher 90er Jahre befindet, vielleicht in SiebenbĂŒrgen, denn die Figuren tragen ungarische Namen. Die Menschen dort hadern mit der neuen Ordnung. Besser als die alte ist sie, doch was geschieht mit den Machthabern von damals, wer bestraft die Regimespitzel, die immer noch unter ihnen wohnen? Wohin sind die Toten geschafft worden, die die Staatssicherheit in einem letzten Machtakt ihren Angehörigen entriss?

Was dramatischer nicht sein könnte, besonders angesichts der vielen UmstĂŒrze, die andernorts zur selben Zeit friedlich verliefen, wird in „Der Scheiterhaufen“ aus ungewohnter Perspektive erzĂ€hlt: Die Welt der dreizehnjĂ€hrigen Emma wandelt sich jĂ€h, sie verliert ihre Eltern bei einem Autounfall und wird von ihrer Großmutter aufgenommen, einer Frau, von deren Existenz sie bislang nichts wusste. Die knochige alte Frau erscheint schon auf den ersten Blick als ungeeignet, sich um das verletzte MĂ€dchen zu kĂŒmmern und ihr Halt zu geben, als sie in der neuen Schule prompt gemieden und bedroht wird. Doch Emma weiß sich durchzusetzen und nach und nach gelingt auch eine langsame, zarte AnnĂ€herung an die Großmutter.

Die Figuren haben Wiedererkennungswert. Die knöcherne Großmutter, die an eine MĂ€rchenhexe erinnert und sich auch so benimmt. Beim Kaffeesatzlesen, beim Formen von Lehmmenschen: Sie versteckt ihren Spuk nicht vor ihrer Enkelin und lĂ€sst sie wie selbstverstĂ€ndlich daran teilhaben. Der durch das Haus geisternde tote Großvater erschreckt die junge Emma so auch nicht, vielmehr fĂŒgt er sich ein in das Haus, das man sich unweigerlich altersschief vorstellt. Emma selbst unternimmt immer wieder Anstalten, sich der Methoden ihrer Großmutter zu bedienen, etwa, wenn sie sich den Finger ritzt und hofft, mit diesem Blutzoll das Geschehen in ihrem Willen beeinflussen zu können.

Dabei geht es außerhalb des Hauses weniger esoterisch zu: In der Schule wird hart zugeschlagen, die Methoden dort und das Verhalten der SchĂŒler erscheinen als grausam. Doch Emma beißt sich hier durch, behauptet sich gegenĂŒber ihren MitschĂŒlern und wird gefördert: Der Zeichenlehrer erkennt ihr Talent, ebenso der Sportlehrer, der sie im Laufen trainiert, die Bibliothekarin nĂ€hert sich ihr als Freundin. Und doch bleibt Emma hĂ€ufig fĂŒr sich, ihre Beobachtungen sind detailliert. Hier sieht das zeichnende Auge; ihre Naturverbundenheit lĂ€sst sie Freundschaft mit den Ameisen schließen und der Baum, der im Garten des Großmutterhauses steht, fungiert fast als ebenbĂŒrtiger Protagonist, der schon lange an Ort und Stelle steht, viel Kummer und Leid mit angesehen hat. So sind auch die Orte des Romans markant, neben dem Garten mit der verbotenen wimmernden HĂŒtte ist es der Wald mit der Fuchsfarm, die Schule, die namenlose Stadt, in deren Straßen schon bald wieder Uniformierte patrouillieren sollen.

Die Übersetzung aus dem Ungarischen ist gelungen, an einigen Stellen wurden Eigenheiten der Sprache ĂŒbernommen, die sich im Deutschen nicht sofort erschließen, etwa, wenn es um das eine Wort geht, das wichtigste, das zwei Menschen einander sagen können und das im Deutschen doch eigentlich drei Worte sind. Die Sprache DragomĂĄns selbst ist wunderbar lakonisch. Seine SĂ€tze sind schnörkellos, manchmal an KĂŒrze nicht zu unterbieten: Großmutter.

Inhaltlich wird die Zeitgeschichte auf beeindruckende Weise in diesen Roman, der auch Entwicklungsroman ist, eingeflochten: Die Protagonistin ist aufgeweckt, denkt viel und beobachtet noch mehr. Ihr fehlt das Wissen um die Entwicklung des Landes, somit erfĂ€hrt der Leser nur ausschnittsweise und nur durch ihre Augen, was gewesen ist, was geschieht. Der Blick ist weniger naiv als vielmehr unverstellt. Emma bewertet nicht, sie erzĂ€hlt, was sie sieht, es bleibt dem Leser ĂŒberlassen, das Beschriebene nĂ€her einzuordnen. So wird nur vage berichtet, wie schmerzhaft die Revolution fĂŒr jeden einzelnen war, dass jeder Erwachsene irgendeine Stellung dazu bezieht und die Kinder nachplappern, was sie hören. Andeutungsweise erfĂ€hrt man so, dass der Zeichenlehrer an vorderster Front gegen das Regime kĂ€mpfte, Emmas Vater wegen seiner „subversiven“ Bilder in Schwierigkeiten geriet, der Sportlehrer immer noch nach versteckten MassengrĂ€bern sucht. Klare Aussagen trifft dann die Großmutter, die mit Emma ihre Erinnerungen daran teilt, wie sie ihre beste Freundin und deren Familie versteckte und ĂŒber ihr Scheitern verrĂŒckt wurde.

„Der Scheiterhaufen“ handelt von der Wahrheit: Was ist sie und wer kennt sie? Kann sie uns befreien? Jetzt sind wir frei und kennen die Wahrheit trotzdem nicht. Werden wir erst wirklich frei, wenn wir sie erzwingen, notfalls mit Gewalt? DragomĂĄns Roman macht sich die Aufarbeitung von Schrecken zum Thema, die nicht geradlinig verlĂ€uft, sondern von bestimmten Ereignissen befördert und durch Erinnerung getrĂŒbt wird. Und die sehr lange andauern und doch noch nicht abgeschlossen sein kann.

©2016



Meinungen von anderen Lesern:





Na, was meint ihr?
Habt ihr das Buch schon gelesen? (hinterlasst doch einen Link zu eurer Rezension und ich verlinke auch euch)
- Empfindet ihr genauso?
- Habt ihr eher eine andere Meinung davon?
- Wandert das Buch direkt auf eure Wunschliste?
- Liegt es gar schon auf dem SuB?

Share this:

JOIN CONVERSATION

    Blogger Comment

0 commenti:

Kommentar veröffentlichen

Ich freu mich, wenn du mir etwas sagen magst.